Predigt zu 1. Mose 28,10-19

Ich habe eine Aufgabe für Sie: Nennen Sie drei Dinge, für die Sie gerade dankbar sind. … Können Sie es sagen, so ganz spontan? Ohne viel Nachdenken?

Haben Sie drei gefunden? Und ist es ihnen leicht gefallen? Oder war es schwer? Hatten Sie das Gefühl, dass das, was Ihnen da eingefallen ist, ist irgendwie nicht bedeutend genug?

Oder haben Sie ganz mutig für sich selbst entschieden, dass das Aufwachen heute Morgen, der Kaffee oder Tee zum Frühstück, der sichere Gang hier zum Gottesdienst schon drei sehr gute Dinge sind, die Sie nennen könnten, wenn der Pastor heute mal fragt?

Oder haben Sie gedacht, nein, das ist zu alltäglich. Da muss mir doch was Besonderes einfallen. Nicht etwas, das ich jeden Tag habe. Mein Bett, meine Badewanne/Dusche, mein weicher Teppich zu Hause. Vielleicht eher die Reise über den Ozean, die ich immer schon mal machen wollte und nun endlich auch geschafft habe.

Eltern denken vielleicht am ehesten an Ihre Kinder. Dafür ist man wirklich dankbar, vor allem, wenn es bis zur Pubertät noch lange dauert… Außerdem gehört es sich ja auch so, für die Familie dankbar zu sein.

Aber es fällt nicht allen, vielleicht nicht mal vielen Menschen leicht, spontan drei Dinge zu nennen. Da ist viel zu viel selbstverständlich in unserem Leben geworden, als das wir das noch als etwas Besonderes wahrnehmen und deswegen dafür dankbar sind. Also echt dankbar und nicht nur so ein „ja, schon nett so“-dankbar. Sie verstehen, was ich meine.

Und eigentlich ist das auch gut so, dass uns da so schnell gar nichts einfällt und uns der Alltag so selbstverständlich, so alltäglich vorkommt, weil es zeigt, wie gut es uns insgesamt geht. Heute, hier, in diesem Ort, in diesem Land, in diesem Leben.

Das, wonach sich Generationen vor uns gesehnt haben, wofür zum Teil blutig gekämpft wurde, was unsere Vorfahren stets ihren Kindern und Enkeln gewünscht haben. Wir dürfen es genießen und nutzen und keiner sollte das mit schlechtem Gewissen tun, nur weil wir nicht jede Minute dafür vor Dankbarkeit auf die Knie fallen.

Ich möchte Ihnen eine Geschichte aus dem ersten Teil der Bibel erzählen:

Irgendeine Nacht an irgendeinem Ort. Zufällig zwischen Beerscheba und Haran – zwei Orte in Israel. Es könnte auch zwischen Rotenburg und Bremen sein. Es wird dunkel. Und Jakob ist zu Fuß unterwegs. Wenn man zu Fuß unterwegs ist, dann ist es clever (damals allemal), beim Anbruch der Dunkelheit eine Pause einzulegen, sich selbst hinzulegen. Sonst verläuft man sich noch oder wilde Tiere erwischen einen. Und weil es sich bequemer liegt, wenn der Kopf etwas erhöht ist, sucht sich Jakob einen Stein und legt das müde Haupt auf ihm ab. Nicht sehr bequem. Aber okay. Ein Jakobskissen wird das dann in Anlehnung an diese Geschichte genannt. Und der Legende nach soll genauer dieser Schlafstein als Sitzunterlage der Könige von Schottland und England gedient haben, bei ihrer Krönung zumindest. Wie auch immer.

Manche Menschen legen heute besondere Steine unter ihr Kopfkissen um besonders zu träumen. Aventurin oder Rosenquarz sollen einen traumreichen, erholsamen Schlaf fördern. Ich glaub das nicht, aber hab es auch noch nicht ausprobiert. Und ob es an dem Stein gelegen hat, weiß ich nicht, auf jeden Fall träumt Jakob ganz besonders in dieser Nacht. Eine Leiter erscheint ihm. Mit Engel, die darauf hinab und hinauf steigen. Also aus dem Himmel zur Erde steigen und wieder hinauf.

Und oben am Ende der Leiter stand Gott selbst und er redete und versprach: „Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“

Einen übernatürlichen Traum träumt Jakob. Merkwürdig. Auch für ihn selbst wohl. Denn als er am nächsten Morgen aufwacht, kann er sich erstens an den Traum noch erinnern.

Mir gelingt das eigentlich nie.

Und Jakob ist so bewegt von den inneren Traumbildern, dass er sofort aufsteht und auch selbst ein Versprechen abgibt: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein.“
(Die Bibel frei nach 1. Mose 28,10-19)

 

Vielleicht kennen Sie solche Träume, die sie ganz stark ermutigen, eine Entscheidung auch durchzuziehen. Etwas zu tun oder zu lassen. Träume, die sie bestätigen in ihrer Meinung oder Absicht. Martin Luther King hatte in den USA in den 60er Jahren so einen Traum und darüber eine seiner berühmtesten Reden gehalten: I have a dream. Ich habe einen Traum, dass eines Tages Weiße und Schwarze, Protestanten und Katholiken zusammenleben in Frieden und Harmonie. Heute würde er vielleicht auch Moslems und Religionslose nennen. Aber dieser Traum auf ein Leben ohne Haß und Spaltung hat ihn ermutigt und angespornt, gewaltfrei zu demonstrieren, trotz massiver Kritik und vieler Rückschläge.

Ich selbst kann mich nicht an einen besonderen Traum erinnern, der mich ermutigt hätte. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass wenn ich in der Nacht träume (also wissentlich träume und mich erinnern kann), dann bin ich am nächsten Morgen besonders ausgeschlafen und fühle mich nochmal anders wach und tatkräftig als sonst.

Im Traum sortiert das Gehirn die Eindrücke des Tages. Das, was gewesen ist, wird in der Traumphase, die mehrmals in der Nacht kommt, vom Gehirn in die entsprechenden Schubladen und Kisten geräumt. Keiner Wunder, dass ich mich immer besonders aufgeräumt fühle, nach einem Traumschlaf und weshalb regelmäßiges Tagträumen von Wissenschaftlern ja auch dringend empfohlen wird!

Und Jakob ging es nicht anders. Wach, munter, aufgeräumt und sehr zielstrebig startete er in den neuen Tag. Selbstsicher geradezu. Und weil er selbst ein spiritueller Mensch war, der Verbindungen wahrnahm zwischen sich selbst und der Welt um ihn herum und der wusste, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was wir sehen, darum erkannte er in diesem Traum Gottes Wirken. Es war nicht ein Traum wie jeder andere. Dieser Traum war besonders. Übernatürlich. Göttlich. Ein Zuspruch Gottes an ihn. Ich werde bei dir sein! Ein Zuspruch des Lebens auch an uns. 

Darum stellte er dann auch den Stein auf, der sein Kopfkissen war, goß Öl darüber und weihte ihn, und weihte so auch gleichzeitig seine eigene Zukunft und sich selbst schließlich Gott, der im Traum zu ihm gesprochen hatte.

Heute würden wir vielleicht uns selbst und anderen die Daumen drücken oder alles Gute wünschen und auf das Neue anstoßen. Und bei einer Taufe übergießen wir das Kind mit Wasser und sprechen besondere Worte dazu.

Aber damals bei Jakob war das so mit Öl und weihevollen Worten. Und irgendwann ist dann tatsächlich an dieser Stelle ein Gotteshaus entstanden, so wie der Ortsname es schon prophezeit hatte: Beth-El – Haus Gottes.

Wissen Sie noch die drei Dinge, für die Sie dankbar sind?

Es ist gut, sich zwischendurch noch mal wieder dran zu erinnern. Das macht nämlich was mit uns. Vor der Geburt unseres ersten Kindes, hatten meine Frau und ich uns natürlich auch mit Kinderwagen beschäftigt. Und wenn mir auch vorher Kinderwagen in der Stadt oder beim Spazierengehen nicht aufgefallen sind, plötzlich sah ich sie überall. Kennen Sie sowas? Es war so, als wenn ich plötzlich eine Kinderwagenbrille aufhatte. Und Jakob hatte nun eine Gottesbrille auf. „Der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ Und entdeckte ab jetzt Gottes Gegenwart in dieser Welt, nahm Gott anders wahr, und auch sich selbst sah er von jetzt an überall von Gott begleitet und beschützt. Das machte ihn selbstsicher und mutig. Und erst so wurde er ein Stammvater Israels.

Worauf wir Menschen unseren Fokus richten, das fällt uns verstärkt ins Auge. Ich suche gerade nach Aktentaschen mit Rollen, die man so hinter sich herziehen kann. Das wäre für die Arbeit praktisch. Und plötzlich sehe ich überall in der Stadt und auf dem Weg zur Arbeit Menschen mit unterschiedlichen Rollkoffern. Rollkofferbrille.

Am Freitag habe ich ganz viele Menschen bei der Klimademonstration in Hannover gesehen. Und seitdem habe ich viele weitere Zeichen und Ermutigungen entdeckt. Klima-Mut-Brille!

Wenn Sie jetzt also sagen, ich möchte mehr Dankbarkeit in meinem Leben haben. Ich möchte zufriedener sein, vielleicht auch mutiger. Mehr das Gute sehen und mir bewusst machen, was ich selbst geschafft habe oder was andere mir Gutes tun – und was trotz vieler Probleme und Herausforderungen möglich ist, dann setzen Sie die Dankbarkeitsbrille auf! Tammos Taufspruch kann ja genau das meinen: „Meine Kinder, unsere Liebe darf sich nicht in Worten und schönen Reden erschöpfen; sie muss sich durch unser Tun als echt und wahr erweisen.“ Tun wir also was für uns und andere.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass es etwa 21 Tage dauert bis unser Gehirn sich beim Thema „Dankbarkeit“ umgestellt hat, also bis die Dankbarkeitsbrille richtig sitzt. Ihre Augen, ihr Gehirn oder ihr Bewusstsein beginnt dann im Alltag quasi Schritt für Schritt nach mehr und mehr positiven und guten Dingen Ausschau zu halten. So steigert sich allmählich Ihre Dankbarkeit und Ihr Bewusstsein für das Gute in ihrem Leben. Und das, so die Wissenschaftler, macht glücklicher, selbstsicher und zufriedener. Es lohnt sich, das auszuprobieren. Für die nächsten 21 Tage schreiben Sie sich jeden Abend drei Dinge oder Erlebnisse auf, für die Sie dankbar sind. Jeden Tag. Und schauen Sie mal was passiert. Vielleicht richten Sie dann auch nach diesen drei Wochen einen Stein, gießen Rapsöl drüber und sagen: Gott sei Dank!

Amen.

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